Zeitung 06.06.2004
- Studie: Überdurchschnittlich viele Mehrlingsgeburten in Biebesheim festgestellt
BIEBESHEIM.
„Wir wollen endlich wissen, welche Maßnahmen von Seiten der Landesregierung ergriffen werden, um die für die Menschen in der Region bestehenden Schadstoffbelastungen weiter zu reduzieren“, fragt die Biebesheimer Grünen-Landtagsabgeordnete Ursula Hammann. Anlass für das erneute Nachhaken sind neue Untersuchungsergebnisse des Institutes für Medizinische Biometrie und Epidemiologie des Universitätskrankenhauses Eppendorf – in Kooperation mit dem hessischen Sozialministerium und der Geschäftsstelle Qualitätssicherung bei der Hessischen Krankenhausgesellschaft –, auf die kürzlich im Hessenfernsehen hingewiesen wurde. Die Studie hatte ergeben, dass im hessischen Ried in den Jahren 1994 und 1995 auffällige Häufung von Zwillingsgeburten vorgekommen war – mehr als in den Vergleichsgebieten: Insgesamt 5,3 Prozent der Mütter in der Umgebung der Biebesheimer Müllverbrennungsanlage brachten Zwillinge zur Welt. Etwa 20 Kilometer weiter nördlich lag die Rate nur bei 1,6 Prozent. In einer Kontrollregion ohne Müllerverbrennungsanlage im Odenwald brachten 2,3 Prozent aller Geburten Zwillingspaare hervor. Eine zweite Studie stützt die Eppendorfer Untersuchung: 20 603 Geburten wurden insgesamt in den Jahren 1994 bis 1997 untersucht. In der Umgebung der HIM gab es 1,4 bis 1,6 Prozent Zwillinge – etwa doppelt so viel wie in den Referenzregionen (0,8 Prozent). Warum die Wahrscheinlichkeit für Mehrlingsgeburten ausgerechnet in Biebesheim und Umgebung höher liegt, ist noch unbekannt. Die Hamburger Forscherin Nadia Obi-Osius und ihre hessischen Kollegen vermuten allerdings, dass eine vermehrte Schadstoffbelastung der Luft dafür die Ursache ist. Die Region sei stark industrialisiert; darüber hinaus treibe die Hauptwindrichtung von Süd nach Nord Schadstoffe aus der Mannheimer Gegend ins Ried, wo sie sich stauten und wegen der häufigen Inversionswetterlage nicht nach oben entweichen könnten. Hinzu kämen die Emissionen der Sondermüllverbrennung. Obi-Osius hält einen Einfluss von Schadstoffen auf den Hormonhaushalt der Frauen für möglich, betont aber, dass diese These noch nicht bewiesen sei. Den Einfluss von Hormonbehandlungen, die überdurchschnittlich häufig zu Mehrlingsgeburten führen, rechneten die Forscher aus den Daten heraus. Die Theorie passe zum Ergebnis des Human-Biomonitoring aus dem Jahr 2000, betont Grünen-Abgeordnete Hammann. Damals hatte man festgestellt, dass Kinder in und um Biebesheim deutlich häufiger und höher mit einer Reihe von Schadstoffen – darunter Hexachlorbenzol und Schwermetalle – belastet waren als Gleichaltrige in den Vergleichsregionen. „Schon damals forderten die Wissenschaftler die weitere Beobachtung der Kinder,“ so Hammann Die Grünen in Biebesheim erinnern zudem an den Beschluss der Gemeindevertretung vom 31.5.2001, in dem das Land aufgefordert wird die wissenschaftlichen Forderungen umzusetzen und weitere Untersuchungen zu veranlassen. Diese Forderung wurde jedoch abschlägig beschieden. „Es ist nicht akzeptabel, wenn sich die Landesregierung nun wieder aus der Verantwortung ziehen will“, empören sich die Grünen. „Die Augen vor den Erkenntnissen zu verschließen, hilft nicht weiter. Es muss endlich ein Handlungskonzept erarbeitet werden.“
ute