Zeitung 11.06.2004
- Crumschter gegen SVA: Diskussion über Humanbiomonitoring und Industrieschnee
CRUMSTADT.
Petra Schellhaas schlug ein Heft auf und deutete auf einen Bericht. In diesem Artikel in der Gesundheitsstudie „Kinder, Gesundheit und Umwelt in Südhessen“ aus dem Jahr 2001, den die Vorsitzende der Bürgerinitiative „Crumschter gegen SVA“ bei der Mitgliederversammlung am Dienstag präsentierte, ist von vermehrten Zwillingsgeburten in Biebesheim und im Rheintal nördlich davon die Rede. Wie berichtet, ist das Ergebnis dieser Untersuchung (Humanbiomonitoring), die von 1994 bis 1997 durchgeführt wurde, mittels weiterer Erhebungen bestätigt worden. Obwohl die Gesundheitsstudie klar aufzeige, dass die Region durch Schadstoffe belastet sei, habe die Landesregierung nichts unternommen, moniert Schellhaas. Offenbar werde die Gesundheitsgefährdung als „nicht so dramatisch“ angesehen. Doch gerade wegen der Tatsache, dass eine Ursache für die überdurchschnittlich hohe Zahl von Mehrlingsgeburten nicht gefunden wurde (es „wird vermutet, dass Luftschadstoffe dabei eine entscheidende Rolle spielen"), wollen die „Crumschter“ und die Kommunale Arbeitsgemeinschaft (KAG) SVA Biebesheim nun Druck machen: Hans-Jürgen Unger (KAG), der bei der Versammlung im Crumstädter Volkshaus zu Gast war, berichtete von einer Überprüfung der Gesundheitsstudie. Dabei sei der von der KAG beauftragte Toxikologe Dr. Hermann Kruse vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein zum Ergebnis gekommen, dass Handlungsbedarf für die Fortführung der Humanbiomonitoring-Studie Südhessen bestehe. Vor allem wollen KAG und „Crumschter gegen SVA“ untersucht wissen, wie sich die Schadstoffbelastung der Region auf deren Einwohner auswirkt. Zumal nicht alle Industrieanlagen so gut überwacht seien, so Unger weiter, wie die Biebesheimer Sonderabfallverbrennungsanlage. Näher beschäftigen wollen sich KAG und „Crumschter“ auch mit dem Phänomen des Industrieschnees. Gemeint sind örtlich begrenzte Schneefälle, die durch Feinstäube in der Luft (Aerosole) – freigesetzt aus Industrieschornsteinen – und/oder Abwärme in der Nähe von Betriebsanlagen ausgelöst werden können. Nötig sind dazu bestimmte klimatische Bedingungen: Minustemperaturen am Erdboden, feuchte Luft vom Boden bis etwa 1000 Meter über Grund, eine ausgeprägte Inversionswetterlage (dabei nimmt die Temperatur mit wachsender Höhe in der Atmosphäre zu statt ab, wodurch schadstoffbelastete Luft nicht aufsteigen kann) sowie schwache Luftbewegung. Ein sehr starkes Industrieschnee-Ereignis gab es, wie Unger berichtete, am 10. Januar 2002. Damals seien mehrere Zentimeter dieser in ihrer Konsistenz groben Flocken gefallen. Anfang der neunziger Jahre habe das Darmstädter Öko-Institut solchen Schnee untersucht und festgestellt, dass darin die Anteile an Chlorbenzolen und Phenolen erhöht waren. Welche Auswirkungen dies habe, sei jedoch ebenso wenig untersucht worden wie der Schwermetall-Gehalt. Deshalb wäre es wichtig, sich öfter mit solchen Ereignissen zu beschäftigen, findet Unger: „Denn der Industrieschnee ist nicht weniger geworden.“ Erst im Dezember vergangenen Jahres, kurz vor Weihnachten, sei zwischen Gernsheim und Hahn ein Zentimeter gefallen. Die KAG strebe nun gemeinsam mit dem Regierungspräsidium Darmstadt eine Untersuchung an. Die „Crumschter gegen SVA“ haben laut Schellhaas bereits beschlossen, die logistische Umsetzung zu übernehmen. Ein geeignetes Grundstück für diese Aktion scheint gefunden: Horst Kränzle von der Bürgerinitiative schlug eine 6300 Quadratmeter große Streuobstwiese in Goddelau vor. Diesen Standort muss nun, so Unger, noch das RP genehmigen; dazu werde es einen Ortstermin mit RP-Vertretern geben. Zudem müssten die für die Probennahme notwendigen Gerätschaften bereitgestellt werden. Darüber hinaus brauche man einen Alarmplan, der regele, was im Falle eines Industrieschneefalls zu tun sei. Und es müsse ein Labor gefunden werden, wohin man die Schneeproben schnell bringen könne.
dirk